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LehrerInneninformation:
Vielen Lehrern, Erziehern und Eltern mangelt es oft an echter Entscheidungsfreude, was meist mit der eigenen Perspektivlosigkeit und der damit verbundenen Linearität bei Handlungen im Alltag zu tun hat. Die Angst vor Veränderung und dem Eingehen von Risken sind oft die Folge. Dieses Verhalten spiegeln sie dann auf ihre Umwelt, d.h.: sie prägen durch ihr eingeschränktes Verhalten die Charaktäre ihrer Umgebung. Insbesondere ist das die jüngere Generation, die entwicklungsbedingt zu diesem Zeitpunkt noch über keine Gegenstrategien verfügt. Friedrich Schelling hat diese menschliche Dynamik als Gegensatz von apollinisch und dionysisch beschrieben. In der Tat sind die meisten menschlichen Entscheidungen in erster Linie utilitaristisch bis materialistisch was in Summe "apollinisch" bedeutet. Diese Denkweise ist auch als Behaviorismus bekannt, dem wir im Alltag überall begegnen und der letztlich auch dazu führt, dass wir mit Vorliebe in Kategorien denken, weshalb wir Vorurteile, Klischees und Illusionen haben, die uns letztlich zu Fehlern führen.
Die sog. Spiegelneuronen, das Lymbische System und insbesondere das Belohnungssystem beim Menschen spielen dabei eine tragende Rolle. Genauere Erklärungen für diese Begriffe finden sich unter Wiki:Civic. Der bedeutende Gehirnforscher Prof. Gerhard Roth gibt im folgenden Interview einige Tipps wie man im Alltag sinnvollerweise damit umgehen sollte. Eine reine Vernunft existiert aber nicht, weil es glücklicherweise auch eine mehr oder weniger starke dionysische Komponente beim Menschen gibt. Und so ganz ohne die Unvernunft wäre das Leben wohl auch nicht erträglich.
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„Die reine Vernunft ist wirkungslos“
Interview mit Prof. Roth von FOCUS-Redakteurin Ulrike Bartholomäus aus "Trainieren Sie Ihren Zukunfts-EQ".
Roth erklärt, warum Bauchentscheidungen rein rationalen Entschlüssen überlegen sind und weshalb wir sie in Zukunft viel häufiger benötigen.
FOCUS: Sie haben sich lange wissenschaftlich mit der Biologie von Entscheidungen beschäftigt. Ist Ihre eigene Urteilsfähigkeit dadurch besser geworden?
Roth: Ja sicher. Wenn man klug handeln möchte, so lautet die erste lebensrettende Maßnahme, keine übereilten Entscheidungen zu treffen. Das klingt banal, ist es aber nicht. Man sollte mindestens eine Nacht über einen wichtigen Entschluss schlafen, besser zwei.

FOCUS: Halten Sie sich an diese Regel?
Roth: Absolut eisern, weil ich es im beruflichen wie im privaten Leben bitterlich bereut habe, wenn ich vorschnell eine Entscheidung gefasst habe. Bei Anfragen für einen Vortrag bitte ich zum Beispiel immer darum, mir kurz eine E-Mail zu schreiben. Dann wäge ich in Ruhe ab, bespreche mich mit meinen engsten Vertrauten. Dieses Vorgehen nennen wir aufgeschobene, intuitive Entscheidung. Sie bringt rationale Erwägungen und emotionales Erfahrungswissen in Einklang.
FOCUS: Was ist, wenn man keine Zeit hat zum Überlegen, sondern innerhalb von wenigen Stunden handeln muss?
Roth: Das ist ein großes Problem. Denn unser logisches Denken ist äußerst störanfällig. Gefühle und Zeitnot legen diejenigen Teile unseres Gehirns lahm, die mit Denken und rationalen Entscheidungen zu tun haben, nämlich das obere Stirnhirn. Wer hat nicht unter dem Einfluss von großem Zeitdruck oder starken Gefühlen wie Eifersucht oder Verliebtheit Dinge getan, die sie oder er später lange bereut hat! Stress und starke Gefühle engen unser Denken ein und hindern das Gehirn daran, abzuwägen und komplexe Schlussfolgerungen zu ziehen.
FOCUS: Welche verschiedenen Arten von Entscheidungen gibt es denn?
Roth: Die erste und häufigste Art sind Routine-Entscheidungen, die wir meist gar nicht als Entscheidungen wahrnehmen, etwa, wenn wir beim Autofahren den Gang schalten oder bremsen. Dann gibt es die affektiven Entscheidungen, die unter Zeitdruck gefällt werden müssen – also die echten „Bauchentscheidungen“. Ich fahre auf eine tiefgelbe Ampel zu und gebe Gas, anstatt zu bremsen. Routine hilft aber, auch unter Zeitdruck richtig zu handeln.
FOCUS: Kann man diese Routine trainieren?
Roth: Bedingt schon. Feuerwehrmänner und andere Katastrophenhelfer tun dies, sie üben Notfallsituationen ein und können dann selbst in Lebensgefahr richtig handeln. Wenn aber eine Situation aus dem Ruder läuft und keine „Standardsituation“ mehr ist, dann können auch hier krasse Fehlentscheidungen passieren.
FOCUS: Wieso hilft es, ein oder zwei Nächte über einem Problem zu brüten?
Roth: Wenn wir dem Gehirn Zeit lassen, um sich mit einem Problem zu beschäftigen, greift unsere Intuition. Wissenschaftlich sprechen wir vom Vorbewussten. Dies ist unser gesamtes erinnerungsfähiges Bewusstsein. Es umfasst alles, was wir wissen, was wir je erlebt haben, was jemand einmal zu mir vor vielen Jahren gesagt oder mir angetan hat. Dies alles ist in unserem Gedächtnis vorhanden, aber aktuell nicht bewusst.
FOCUS: Was passiert im Gehirn, wenn sich unsere Intuition einschaltet?
Roth: Beim Nachdenken aktivieren wir Teile unseres Gedächtnisses und kramen alte Erfahrungen wieder hervor. Diese wirken dann weiter auf den Entscheidungsprozess im Gehirn ein, auch und gerade, wenn wir nicht mehr aktiv nachdenken, sondern etwa spazieren gehen. Plötzlich kommt einem eine Idee – wie aus dem Nichts. Erst im Nachhinein reimen wir uns zusammen, welches die richtigen Gründe für einen Entschluss oder für Einfälle waren. Viele Forscher, Erfinder und Entscheider fühlen oft, dass die Lösung ganz nah ist, und sind geradezu euphorisch. Diese Intuition ist etwas anderes als das Unbewusste. Denn wenn wir uns dann einmal entschieden haben, dann „wissen“ wir eben intuitiv, dass die Entscheidung oder Lösung richtig war. Das Unbewusste hingegen treibt uns in einer Weise, die uns rätselhaft ist.
FOCUS: Wie viel Ratio enthalten unsere Entscheidungen und wie viel Emotion?
Roth: Emotionen sind immer notwendig, um überhaupt etwas zu tun – die reine Vernunft ist wirkungslos. Ihre große Leistung ist es, Möglichkeiten und Alternativen und deren jeweilige Konsequenzen aufzuzeigen. Welche Möglichkeiten wir dann wollen und welche Konsequenzen wir akzeptieren, wird dann immer emotional entschieden. Wir können also rein emotional, aber nicht rein rational handeln.
FOCUS: Was macht einen guten Entscheider aus?
Roth: Er oder sie muss zum Beispiel vom Naturell her die Fähigkeit haben, einen kühlen Kopf zu bewahren, das heißt, sich nicht starken unmittelbaren Impulsen hingeben. Diese Stressresistenz und Impulshemmung wird sehr früh in der Kindheit geprägt und ist auch zum Teil über das Temperament angeboren.
FOCUS: Wie entwickeln wir diese Stressresistenz?
Roth: Unser Stresssystem entsteht teilweise schon vor der Geburt. Hier spielt auch das Stresserleben der werdenden Mutter eine wichtige Rolle. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft starken Stress erlebt, kann das die reifende Stressachse des Kindes maßgeblich beeinflussen. Dasselbe gilt für den nachgeburtlichen Stress.
Danach ist die Anfälligkeit für Stress weitgehend festgelegt. Hier geht es vorrangig um die Regulation der Produktion des bekannten Stresshormons Cortisol durch das Gehirn. Jeder Erwachsene verfügt über ein bestimmtes Stressmanagement, das zu seiner Persönlichkeit gehört. Es gibt Menschen, die nichts aus der Ruhe bringt, andere reagieren stressanfällig und aufbrausend. Bei Verhandlungen nutzen Gesprächsgegner das mitunter aus, indem sie versuchen, einen in Rage zu bringen. Wer hier besonnen bleibt, ist klar im Vorteil.
FOCUS: Selbst die Stressresistentesten geraten doch bei enormem Zeitdruck in Entscheidungsprobleme. Bei der Rettung der Banken, etwa bei Entscheidungen über die Pleite der Lehman-Brothers-Bank oder der Rettung der der Hypo Real Estate war ja sehr wenig Zeit für komplexe Milliardenentscheidungen.
Roth: Das Gehirn hat immer große Schwierigkeiten, komplexe Sachverhalte in kurzer Zeit rational zu durchdringen. Zukünftig werden wir aber immer häufiger solche komplizierten Entscheidungen treffen müssen. Untersuchungen zeigen, dass wir maximal zwei Hauptfaktoren gedanklich bearbeiten können. In Fällen von großem Zeitdruck muss man den Sachverhalt stark vereinfachen, zum Beispiel auf „ja“ und „nein“ oder zwei simple und alternative Lösungen, und sich fragen, „wo sind die größeren Risiken?“. Dann sollte man, wenn möglich, noch einmal mindestens eine Stunde Zeit haben, sich mit etwas ganz anderem zu beschäftigen, also „abschalten“, und sich dann mit anderen kurz besprechen. Dann hat die Intuition Zeit und Gelegenheit zu wirken, und die Entscheidung ist besser, als wenn wir weitere fünf Variablen in den Prozess miteinbezogen hätten.
FOCUS: Vor welcher Entscheidung fürchten Sie sich?
Roth: Wann ich mit meinen verschiedenen Projekten und Arbeiten aufhöre und mich endgültig zur Ruhe setze. Ich kann nur hoffen, dass die Intuition mir auch dabei hilft.