Herkunft und Geschichte des Menschen: Was die Gene über unsere Vergangenheit verraten
von Steve Olson

Das ist schon ein umwerfender Thriller: Erst komplizierteste Mikroskope setzen das kleine Wunder ins Bild und dieses Bild soll auch noch Informationen über die gesamte Menschheitsgeschichte präsentieren: Immerhin läppische 150.000 Jahre oder 7.500 Generationen. All das auf unseren Erbanlagen in kleinster Zelle?
Dieses 420-seitige Buch gehört in die Rubrik Sachbücher, liest sich jedoch wie ein Bestseller-Krimi, es geht um höchst komplexe Sachverhalte und doch versteht man sie. Ein Buch, in das man sich nach wenigen Seiten ohne Scheu vor hoher Materie hineinbegibt, ein Buch bei dem man aus dem Staunen allerdings nicht so schnell herauskommt. Wie war das, wir stammen doch nicht vom Neandertaler ab?
"Die sechs Milliarden Menschen, die heute auf der Erde leben, stammen ausnahmslos von der kleinen Gruppe anatomisch moderner Menschen ab, die einst in Ostafrika lebten." Revolutionäre Erkenntnisse, die aus dem wissenschaftlichen Zusammenspiel mehrerer Disziplinen entstanden, allen voran der Gentechnik. Forschungsgegenstände, sie werden immer kleiner und winziger, Forschungsergebnisse immer weit reichender und weltumfassender. "Diese Daten bergen das Potential, Rassismus abzuschaffen. Rasse ist ausschließlich durch die Umstände bestimmt, hat keine biologische Grundlage." Eine klare Aufforderung zum Umdenken. Das liest sich sehr gut.
Das auch ganz sicher deshalb, weil da ein Autor mit fundierten Kenntnissen schreibt, der zu den renommiertesten Wissenschaftsautoren der USA zählt, der Fremdwörter ausgesprochen behutsam und nachvollziehbar erklären, Zusammenhänge sehr plastisch und geduldig erläutern kann. Den so aufbereiteten und immer wieder in Bilder verwandelten Stoff kann man bestens verdauen und erfassen. Den Leser erwarten also Überraschungen aus der eigenen Evolutionsgeschichte, die einem Fantasy-Thriller in nichts nachstehen.
-- Barbara Wegmann --
Rezension aus Spektrum der Wissenschaft:
Der Werbetext auf dem Umschlag stimmt euphorisch: "Steve Olson erzählt die letzten 150000 Jahre Menschheitsgeschichte anhand der Informationen, die sich aus unserer DNA ergeben. Seine leicht zu lesende, packende Schilderung räumt mit jedem Rassismus auf. Die Gene aller Menschen gehen auf eine Urmutter zurück." Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Steve Olson gliedert seine Geschichte entlang der geografischen Herkunft der Menschen. Dabei bedient er sich vieler populärer Schlagwörter, die in einem Sachbuch zu dem ohnehin spannenden Thema entbehrlich wären. Bereits in der Einleitung stehen pastorale Verkündigungen wie "Die Genforschung bietet uns eine Chance, die Welt von großem Leid zu befreien" neben voyeuristischen Verheißungen: "Es ist eine der besten Geschichten, die Sie je hören werden. Sie ist abenteuerlich, voller Konflikte, Triumphe und Sex – jede Menge Sex."
Einzelne Kapitel sind wirklich interessant und spannend, so etwa das über die genetische Geschichte der Juden. In deren Glaubensgemeinschaft spielt die Abstammung eine wichtige Rolle. Im Buch Exodus bestimmt Gott Moses’ Bruder Aaron und seine männlichen Nachkommen zu Hohepriestern. Noch heute haben Männer, die sich zu den direkten männlichen Nachfahren Aarons zählen, einen besonderen Status; man bezeichnet sie mit dem hebräischen Wort für Priester als "Kohanim". Viele tragen Nachnamen wie Cohen, Cohn, Kahn. Da Männer jeweils ihr Y-Chromosom an ihre Söhne weitergeben, müssten – wenn die Geschichte stimmt – alle Nachfahren Aarons in männlicher Linie dessen Y-Chromosom tragen; allenfalls wären leichte Abwandlungen auf Grund von Mutationen zu erwarten. Untersuchungen an 200 männlichen Juden aus Israel, Nordamerika und England ergaben: Bei denjenigen, die sich nicht als Kohanim einstufen, gibt es eine große Vielfalt von Y-Chromosomen. Hingegen hat etwa die Hälfte der Kohanim das gleiche Y-Chromosom. Dem Mutationsmuster zufolge müsste deren letzter gemeinsamer Vorfahre vor etwa 100 Generationen gelebt haben, könnte also von einem alttestamentarischen Ahnen abstammen.
Insgesamt macht das Buch jedoch an vielen Stellen einen unaufrichtigen Eindruck – als hätte Olson sich zu seiner Predigt die passenden Fakten zusammengesucht. Geradezu stereotyp trägt er sein Credo der politischen Korrektheit vor: Es gibt keine Rassen, und Unterschiede zwischen Menschengruppen sind allenfalls oberflächlicher Natur. Zu allen Zeiten gab es Genfluss (Sex) zwischen Populationen und Volksgruppen, und daher ist der Begriff der "Rasse" ein rein kulturelles Produkt. Genetische Unterschiede sind zu vernachlässigen.
Aber so trivial ist die Geschichte der Menschen nicht. Mit Ausnahme einiger Anthropologen kann fast jeder mit großer Treffsicherheit Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt unterscheiden. Es wird sich dabei kaum um pure Einbildung oder gar rassistische Hirngespinste handeln. Der biologische Hintergrund ist, dass sich zwischen zwei Populationen bereits nach wenigen Generationen unterschiedliche Merkmale herausbilden können, auch wenn es einen gewissen Grad an Durchmischung gibt. Handelt es sich um Buntbarsche aus dem Viktoriasee, dann hat niemand ein Problem mit der Unterteilung in Subspezies oder "Rassen". Und bei Homo sapiens sollte das nicht anders sein. Hier wie dort gilt übrigens auch, dass bereits geringfügige genetische Unterschiede (im Extremfall einzelne Punktmutationen!) zu entscheidenden Unterschieden in der Biologie der betroffenen Organismen führen können. Nahe genetische Verwandtschaft bedeutet deshalb noch lange nicht, dass Unterschiede unerheblich wären.
Leider baut Olson seine Argumentationskette so zusammen, wie es ihm gerade passt. Die Hautfarbe strapaziert er dabei besonders: Einerseits gilt sie ihm als "diagnostisches Merkmal" und damit als wertneutral, andererseits tut er statistische Zusammenhänge zwischen Hautfarbe und geografischer Herkunft als belanglos und deren Betonung als nicht seriös und willkürlich ab. Aber bereits Darwin kam zu dem Schluss, dass neben der natürlichen Selektion (Anpassung an Sonneneinstrahlung, Vitamin-D-Produktion) besonders die sexuelle Selektion eine große Rolle bei der Fixierung von äußerlichen, populationsspezifischen Merkmalen wie Haut- und Haarfarbe oder Körperbau spielt.
Eine sehr sachbezogene Abhandlung über "Patriotismus, Nationalismus und Rassismus" liefern Jan Klein und Naoyuki Takahata in ihrem Buch "Where do we come from" (besprochen in Spektrum der Wissenschaft 6/2003, S. 97). Hier werden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Menschengruppen wesentlich rationaler erklärt. Unterschiede zu akzeptieren heißt nicht, dass eine Gruppe von Menschen besser oder intelligenter oder schöner ist. Die Ideologie des Rassismus wird mit einem "Gleichmacher-Buch" wie dem von Olson nicht aus der Welt geräumt. Nur wenn wir die Unterschiede erkennen, akzeptieren und tolerieren, wird es eine Verständigung zwischen den Kulturen geben.
Außerdem merkt man dem Buch an, dass Olson nicht aus seinem eigenen Forscherleben berichtet, sondern über die wissenschaftlichen Erkenntnisse anderer schreibt. Darin unterscheidet er sich zum Beispiel von Bryan Sykes, der in seinem Buch "Die sieben Töchter Evas" sehr anschaulich seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse in eine spannende Story verwebt (Spektrum der Wissenschaft 6/2002, S. 110). Der narrative, weniger lebendige Ton Olsons wirkt streckenweise etwas ermüdend. Außerdem würde man gerne mehr Zusammenhänge verstehen, statt immer nur mit dem Spruch "die genetische Analyse hat gezeigt …" abgespeist zu werden. Die grundlegenden Mechanismen, die für die Muster genetischer Variation verantwortlich sind, nämlich Mutationen, Selektion und insbesondere ein Zufallsprozess namens genetische Drift, werden nur oberflächlich erklärt. Letzterer wird bestenfalls als "genetischer Zufall" bezeichnet, worunter sich der Nichtspezialist (an den sich das Buch wendet) nichts vorstellen kann. So muss sich der Leser mit Olsons Interpretation der Fakten zufrieden geben.
Dass sich der Autor mit der Primärliteratur auseinander gesetzt hat, beweist die umfassende Literatursammlung am Schluss. In den 43 Seiten Anmerkungen zitiert und kommentiert Olson eine beeindruckende Anzahl von Fachartikeln, die er mit viel Umsicht zusammengesucht hat. Obwohl viele dieser Arbeiten für Laien zu speziell und zu theoretisch sind, liefern diese Zusatzinformationen einen guten Überblick über das gesamte Forschungsfeld der Menschwerdung.
-- Ellen Baake und Dorit Liebers --
Das Werden der Völker in Europa: Forschungen aus Archäologe, Sprachwissenschaft und Genetik
von Elisabeth Hamel
Wer sich für die Menschheit interessiert, wer wissen will, wie Völker entstanden, und wer neue Ansichten gewinnen will - weg von irrigen Rassenlehren - , findet in diesem Buch Antworten speziell durch die moderne Genetik: Völker und Kulturen unterscheiden sich voneinander genetisch nur durch andere Mischungsverhältnisse der Gene und die verschiedenen Anteile bestimmter Abstammungslinien. Seit den 90ern des vorhergehenden Jahrhunderts hat die Genetik große Einsichten gewonnen. Dieses Buch trägt die aktuellen Forschungsergebnisse aus Sprachwissenschaft, Archäologie und Genetik zum Thema Völkerwanderungen im nacheiszeitlichen Europa zusammen. Eine umfassende Behandlung und anschauliche Grafiken bilden den geeigneten Einstieg für fortgeschrittene Schüler, Studierende und Lehrende. Die vielen Illustrationen dürften aber sogar schon bei Grundschülern ein erstes Interesse wecken.
Amazon Rezension:
Auch nach fast über zehn Jahren der Herausgabe dieses Buches lohnt sich die Lektüre. Wer sich für die Entwicklungsgeschichte des modernen Homo sapiens sapiens interessiert bekommt mit dieser Lektüre einen besonders guten Überblick geliefert. Das Buch erläutert auf eindrucksvolle Weise die Entwicklung der Molekularbiologie seit der Entdeckung der DNA und deren Verwendung als genetische Uhr bis hin zu Fragen der Linguistik und Kulturentwicklung unserer Menschheit. Luigi Luca Cavalli-Sforza und sein Sohn Francesco schaffen es den wissenschaftlichen Stoff in eine spannende Geschichte zu verpacken. Das Buch in Deutscher Übersetzung erschien erstmals 1994. Die Funktionsweise der Genetischen Uhr wird anhand genetischer Änderungen im Hämoglobin, der mtDNA und schließlich des menschlichen Genoms erläutert. Luigi Luca Cavalli-Sforza vergleicht seine Daten als erster unter den Wissenschaftlern mit linguistischen Erkenntnissen und versucht den genetischen Stammbaum (erstmals von Wilson und Mitarbeiter 1987 erstellt) in Einklang zu bringen mit linguistischen Theorien über die Entstehung der Sprachfamilien nach Greenberg und Merrit Ruhlen. Dies scheint ihnen auch zu glücken. Demnach ist EVA (mtDNA) und ADAM (Y-chromosom) vor über 100000 Jahren aus Afrika auf gebrochen auf dem Weg nach Asien (vor 60000 Jahren), Europa (vor 25-35000 Jahren) und Amerika (vor etwa 15-35000 Jahren). Abschließend beschäftigt sich Cavalli-Sforza mit dem Begriff der Rasse, Migration, genetischem Drift und den kulturellen Einfluß auf die Entwicklung der Sprachen.
Dieses Buch ist ein fesselndes Buch über den Homo sapiens sapiens der einst am Suez in Agypten lebte und von dort aufbrach um die Welt zu entdecken, jener Mensch der sich noch heute in einem fortwährendem Weiterentwicklungsprozess befindet.
Verschieden und doch gleich. Ein Genetiker entzieht dem Rassismus die Grundlage. (Broschiert)
von Luca Cavalli-Sforza, Francesco Cavalli-Sforza
Der renommierte Humangenetiker Luca Cavalli-Sforza legt die überraschenden Ergebnisse seiner über vierzigjährigen Forschungsarbeit zur frühen Geschichte der Menschheit vor. Eines der sensationellsten Resultate seiner Arbeit ist die Widerlegung des Rassenbegriffs. Jeder Versuch, die Völker der Erde aufgrund ihrer Haut-, Haar-, Augenfarbe, Statur und Nasenform zu "katalogisieren", ist wissenschaftlich unhaltbar. Die "äußere Verpackung" des heutigen "Homo sapiens", sei sie schwarz, weiß, gelb oder rot, verhüllt nur ein kunterbuntes Puzzle von Erbteilen der verschiedensten Völkergruppen der Erde.
Amazon Rezension:
Auf so ein Buch hat man schon lange gewartet, im Bewusstsein, dass uns eines Tages die Genetik weiterhilft in der Frage nach unseren Vorfahren und ihrer Ausbreitung auf dem Planeten. Zu Spaten und linguistischen Wörterbüchern kommt jetzt der DNA-Analyzer hinzu.
Sforza-Cavalli holt weit aus und führt nicht nur ausführlich in das Thema ein sondern auch in seine eigen Laufbahn und Geschichte die eng mit seiner Heimat Italien verbunden ist, sympathisch, trotz selbstdarstellerischen Anflügen. Der Höhepunkt sind die isogenen Karten, die die Häufigkeit bestimmter Gene in Eurasien anzeigen. Unglaublich, z.Bsp. dass der Ursprung des Ackerbaus, als eine der ersten grossen Revolutionen in der menschlichen Kulturgeschichte, sich heute noch in diesen "Gene-maps" ablesen lässt.
Für den Author gipfelt dieses Buch wohl in dem Kapitel in dem er mit den herkömmlichen Rassedefinitionen aufräumt. In wenigen Worten: ein Afrikaner kann mit einem Europäer u.U. mehr genetische Gemeinsamkeiten haben als 2 Europäer aus demselben Dorf. Dieses Buch gehöhrt in die Hände eines jeden der sich einen neuen Blickwinkel auf die Urgeschichte wünscht, ode den schlichtweg diese neue, faszinierende Forschungsgebiet interessiert.
Spannend und unterhaltsam zu lesen, die Karten leider nur in schwarz-weiss.